Gastartikel: Warum es Blödsinn ist, sich zu entschuldigen

und die verletzte Person einen höheren Preis zahlt als die schuldige Person.

Gastartikel von Dr. Sascha Weigel: Mediator und Ausbilder (BM), berät, coacht, bloggt und podcastet zu Mediation und Konfliktmanagement in Zeiten der Digitalen Transformation.

Begründer der Elemente der Mediation sowie Inhaber von INKOVEMA und Der Strategische Dialog. Begeisteter Fernwanderer und Fussballfan. Lebt in Leipzig und arbeitet bundesweit.

Mit Entschuldigungen ist es so eine Sache. Häufig landen wir nicht mit unseren Entschuldigungen bei denen, denen wir uns gegenüber einer Verfehlung schuldig gemacht haben. Vielleicht haben wir uns lustig über sie gemacht, sie vor anderen bloßgestellt, schlecht über sie geredet oder in sonstiger Weise ihre Gefühle oder Integrität verletzt. Da wird unser halbherzig hingeworfenes „Sorry“ oder „T’schuldigung“ irgendwie nicht ernst genommen oder wirkt sogar eskalierend und verschlimmbessert die angespannte Situation nur. Aber warum nur??? Woran liegt das nur?! Ganz einfach: Wir können uns nicht (selbst) entschuldigen!

Wer einen verletzt hat, emotional oder physisch, und sich darauf selbst entschuldigt, verletzt den anderen gleich noch einmal.“

Herkunft und Bedeutung von Entschuldigung

Die Herkunft und Bedeutung des Begriffs Entschuldigung hilft zu verstehen, weshalb eine „Selbstentschuldigung“ eher eskaliert als deeskaliert. Die Etymologie des Begriffs Entschuldigung führt ins Mittelhochdeutsche. Entschuldigung meint, dass von Schuld freigesprochen oder losgesagt wird, also ent-schuldigt wird und damit die verletzte Person („Opfer“) den Schuldigen von Schuld befreit. Das bedeutet zugleich, dass derjenige, der durch sein Verhalten Schuld (gegenüber der verletzten Person) auf sich geladen hat, sich nicht selbst von ihr befreien kann. Zwar kann man sich auch selbst Fehler und Verfehlungen verzeihen und sich selbst vergeben (und sollte das auch unbedingt tun), aber im sozialen, zwischenmenschlichen Beziehungsgeschehen ändert sich dadurch noch nicht allzu viel.

Genau genommen bedeutet unser modernes „T’schuldigung“ oder „Ich entschuldige mich bei Dir…“ ausführlich, das wir die verletzte Person bitten, uns zu entschuldigen, weil wir Schuld auf uns genommen haben und diese aus Reue wieder loswerden wollen. Deshalb – bitten wir um Entschuldigung und ersuchen darum, dass die Schuld von uns genommen wird.

Bausteine einer gelingenden Entschuldigungskommunikation

Daraus ergeben sich auch die einzelnen Bausteine einer gelingenden Entschuldigungskommunikation, die erst in ihrem Zusammenspiel für eine Deeskalation und eine gelöste Atmosphäre in der Lebens-, Freundschafts- oder Arbeitsbeziehung sorgen können. Fehlen einzelne Bausteine oder werden sie unzureichend zum Ausdruck gebracht, bleibt die Atmosphäre zwischen den Beteiligten angespannt und gereizt.

1. Entschuldigungswunsch der schuldigen Person. Die schuldige Person beginnt den „sozialen Entschuldigungsprozess“ mit ihrer Bitte darum:

„Ich möchte Dich um Entschuldigung bitten.“

2. Verletzte Person erklärt ihre Bereitschaft dazu. Die verletzte Person muss ihre Bereitschaft erklären, eine solche Entschuldigungskommunikation mit zu führen:

„OK, ich bin bereit dazu, Dich zu entschuldigen.“

3. Gemeinsame Verständnisbasis: Beide sollten sodann über den Vorfall sprechen und konkret und genau abklären, um welche Verfehlungssituation es geht, welches Verhalten in Frage steht und als moralisch, ethisch verwerflich von den Beteiligten identifiziert ist. Dabei geht es keineswegs um die Bewertung als solche, sondern nur um das Verhalten als solches. Die beiden müssen dieses Verhalten auch nicht gleich verwerflich einschätzen. Darauf kommt es nicht an, sondern lediglich, dass sie von derselben Sache reden.

„OK, wir sprechen also von derselben Sache und von demselben konkreten Verhalten.“

4. Schuldige Person übernimmt die Verantwortung für die Verfehlung. Die schuldige Person übernimmt im Folgenden die Verantwortung für ihr fehlerhaftes, verletzendes Verhalten und möchte, dass sie dafür, dass sie mit diesem Verhalten die andere Person verletzt hat und damit „Schuld auf sich geladen und die gemeinsame Beziehung damit belastet hat“ entschuldigt werden. Aus diesem Grunde gehören Rechtfertigungsversuche oder eigene Entschuldigungsversuche („Aber ich war auch völlig übermüdet…neben mir stehend…unaufmerksam, ahnungslos etc.) nicht hierher. Hier geht es um unbedingte Reue und Bedauern über das Vorgefallene und den eigenen Beitrag dazu.

„Ich übernehme für mein Verhalten die Verantwortung und bereue es.“

5. Formulierung der Entschuldigungsbitte. Gerichtet an das Opfer der Verfehlung wird dieses um Entschuldigung/Verzeihung/Vergebung gebeten. Die Schuld, über die sich beide Seiten einig sind (siehe 3. und 4.) soll nun durch das Opfer vom Täter genommen werden. In aller Regel steigt die Ungewissheit und emotionale Anspannung an dieser Stelle bei den Beteiligten an, weil die Bitte natürlich abgelehnt werden kann.

„Ich bitte Dich, mich für dieses Verhalten und die dadurch verursachte Verletzung zu entschuldigen.“

6. Annahme des Entschuldigungsersuchens: Das Opfer der Verfehlung nimmt diese Bitte an, wenn und soweit ein Verzeihen und und damit eine Entschuldigung des Täters (nicht durch den Täter!) möglich ist. Mit der Annahme des Ersuchens wird die Schuld vom Täter genommen. Dadurch wird er vom Opfer entschuldigt. Der Täter ist nun in der zwischenmenschlichen Beziehung wieder frei (von Schuld) und kann sich befreit fühlen.

„Ich entschuldige Dich.“

Bei einer Entschuldigung hat das Verfehlungsopfer die meiste Arbeit – und nicht der oder die Schuldige der Verfehlung!

Die verletzte Person hat mehr zu leisten als der Schuldige

Gerade dieser letzte Punkt ist besonders wichtig und für die verletzte Person„kostspielig“. Sie verliert eine Person, die in ihrer Schuld steht! Das hat sozialen Wert, gibt Macht und Einfluss, der verloren geht. Das ist nicht zu unterschätzen und ist Mitursache, weshalb echte Entschuldigungen vor allem in intensiven, langjährigen Liebes-, Freundschafts- und Arbeitsbeziehungen eher selten vorkommen. Die Schuld wird anderweitig, wenn auch destruktiv abgetragen, häufig im Wege von devoten Anpassungen, faulen Kompromissen und negativen Deals.

Aber bei einer echten Entschuldigung, bleibt nichts, womit die eine Person etwas gegen die andere Person in der Hand hat. Danach begegnen sich beide Personen wieder auf Augenhöhe. Alltäglich ist jedoch eher zu beobachten, dass vor allem in langjährigen Beziehungspartnerschaften (Liebes-, Freundschaft- oder Arbeitsbeziehungen) mit alten Schuldpaketen gehandelt, gewuchert und sonstiger Missbrauch betrieben wird: Wie einfach ist es, frühere Verfehlungen, die immer noch schmerzen, bei jeder „passenden oder auch unpassenden Gelegenheit dem anderen auf’s Butterbrot zu schmieren“.

Aus diesem Grunde ist eine sorgsame, feingliedrige Entschuldigungsarbeit bei der Konfliktklärung z.B. in Mediationen äußerst wichtig und zuweilen geradewegs unerlässlich. Schritt für Schritt vorgehend zeigt sich erst in einer solchen Klärungsarbeit, wie viele alte Verletzungen und Verfehlungen immer noch bestehen. Die schuldige Person, die noch nicht von Schuld befreit wurde, kann nicht befreit in der Beziehung aufspielen und die verletzte Person lässt ihre (emotionale) Verletzung nicht heilen und etabliert eine buchstäblich schräge Beziehung.



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Gus Moretta 
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Quellen:

De Cremer, D., Pillutla, M. M., & Folmer, C. R. (2011). How important is an apology to you? Forecasting errors in evaluating the value of apologies. Psychological Science, 22(1), 45-48. doi: 10.1177/0956797610391101

Lewicki, R. J., Polin, B., & Lount, R. B. (2016). An Exploration of the Structure of Effective Apologies.Negotiation and Conflict Management Research, 9(2), 177-196. doi: 10.1111/ncmr.12073

Livia Josephine

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