50 Jahre Internet: Mit Internetforscher Prof. Dr. Meinel über die Chancen in der Bildungspolitik und den Gefahren der neuen digitalen Welt

Das Internet ist vor Kurzem 50 Jahre alt geworden. Ein besonderes Jubiläum, denn nichts hat eine Gesellschaft je mehr beeinflusst wie das Internet. Nicht mehr wegzudenken aber mit all den Vorzügen was die digitale Welt zu bieten hat, birgt es auch viele Gefahren. Und dagegen ist noch sehr viel zu machen.

Das war für mich natürlich ein guter Anlass bei dem führenden Internetforscher nachzufragen.

Die Forschungen am Lehrstuhl von Prof. Dr. Christoph Meinel am Hasso-Plattner-Institut fokussieren sich diesbezüglich auch auf die Untersuchungen von wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, Methoden und Techniken zur Entwicklung neuer Internet-Technologien und innovativer Internet-basierter Anwendungen und IT-Systeme.

Das hört sich jetzt erst einmal sehr wichtig an aber was macht ein Internetforscher genau? Das war auch gleich meine erste Frage. Sie gelten ja als einer der führenden Internetforscher. Aber was gibt es im Internet zu erforschen, wie muss ich mir das vorstellen? Prof. Dr. Christoph Meinel: An meinem Lehrstuhl am Hasso-Plattner-Institut beschäftigen wir uns mit sehr vielen Bereichen rund ums Internet: mit neuen Internet-Technologien, Internet-basierten Anwendungen und vernetzten IT-Systemen. Doktoranden forschen beispielsweise in den Bereichen sicheres Cloud Computing oder Software-Schwachstellen. Sie arbeiten an der Erkennung von Cyberangriffen in Echtzeit oder erforschen Alternativen zum Passwort zur sichereren Authentifizierung.

Auch digitale Bildung ist seit Jahren ein Schwerpunkt mit dem wir uns an meinem Lehrstuhl intensiv beschäftigen. So haben wir 2012 im von der New York Times ausgerufenen Jahre der MOOC mit openHPI die erste europäische MOOC-Plattform entwickelt und bieten dort seither kostenlose interaktive Online-Kurse für jedermann an, meist zu Digitalisierungs- und Design-Thinking-Themen an. Derzeit ist dort übrigens gerade ein Kurs zum 50igsten Jahrestag des HPI gestartet, der Dich interessieren könnte: „Wie funktioniert das Internet“ . Da kann jeder kostenlos teilnehmen und auch mitdiskutieren, wie das Internet nach 100 Jahren aussehen wird. Außerdem entwickeln wir für Schulen bundesweit die HPI Schul-Cloud, über die digitale Lerninhalte im Unterricht oder Zuhause genutzt werden können. Wir haben unheimlich viele spannende und aktuelle Projekte am HPI – dies ist lediglich ein Ausschnitt. Insgesamt haben wir 14 Informatik-Fachgebiete.

Digitalisierung an den Schulen:Es hapert an vielen verschiedenen Stellen. Die Verantwortlichkeiten der verschiedenen Bundesländer und viele weitere unterschiedliche Zuständigkeitsebenen sind für die digitalen Entwicklungen überhaupt nicht förderlich.“

50 Jahre Internet mit Prof. Dr. Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts

Apropos Schule und Digitalisierung. Die Politik ist sich ja dazu einig, nur an der Umsetzung scheint es größere Probleme zu geben. Vielleicht deshalb, weil bei uns in Deutschland die Länder für das Bildungssystem zuständig sind. Daher meine Frage: Ist das antiquarische System des Bildungsföderlismus nicht kompatibel mit einer flächendeckenden und sinnvollen Digitalumstellung der Schulen? Prof. Dr. Christoph Meinel: Ja, eigentlich sind sich alle einig, dass wir in puncto Digitalisierung an den Schulen in Deutschland dringend aufholen müssen. Es muss einfach in jedem Klassenzimmer oder zuhause möglich sein, eine Text zu schreiben, eine Präsentation vorzubereiten oder eine Lernsoftware, z.B. einen Vokabeltrainer zu nutzen. Das Ganze muss dann datenschutzsicher abgespeichert oder geteilt werden können. Das ist aber in den allermeisten Schulen in Deutschland nicht möglich, obwohl seit Jahren daran gearbeitet wird, das zu ändern. Die Verantwortlichkeiten der verschiedenen Bundesländer und viele weitere unterschiedliche Zuständigkeitsebenen sind für die digitalen Entwicklungen, wo es ja um Schnelligkeit und Skaleneffekte geht, überhaupt nicht förderlich. Es hapert an vielen verschiedenen Stellen. Das beginnt bei der technischen Ausstattung der Schulen. Viele Schulen haben keinen Breitbandanschluss. Jede dritte Schule hat kein WLAN, bei den meisten anderen Schulen gibt es WLAN nur an ganz bestimmten Stellen. Auch ist nicht geklärt, über welche Devices die Schüler verfügen müssen. Vor allem aber fehlt es an einer benutzerfreundlichen, sicheren und datenschutzkonformen digitale Arbeitsumgebung, einen geschützten Raum, in dem Schüler und Lehrer digital arbeiten und ihre Dokumente – Präsentationen, Hausaufgaben und Unterrichtsmaterialien, … –  verwalten, und sich mit den neuen modernen Kommunikationsmitteln austauschen können. Am Hasso-Plattner-Institut entwickeln wir aus diesem Grund im Auftrag der Bundesregierung die HPI Schul-Cloud, die ein solches sicheres und unkompliziertes digitales Arbeiten an allen Schulen in Deutschland ermöglichen soll. Bundesweit arbeiten schon 120 MINT-EC Schulen  mit der Schul-Cloud und unterstützen uns bei der Weiterentwicklung. Auch in zwei, demnächst drei Bundesländern wird die HPI Schul-Cloud in jeweils 50 Pilotschulen eingesetzt. Aber das Ausrollen dauert viel zu lange, andere Länder auch in Europa sind da weit voraus.

Im Prinzip leben wir mittlerweile im Internet-Zeitalter. Ist das Internet eine Erfindung die den Menschen tatsächlich am meisten beeinflusst hat, im Laufe seiner geschichtlichen Entwicklung? Prof. Dr. Christoph Meinel: Das Internet ist das Rückgrat der gerade neu entstehenden digitalen Welt. Und das ist tatsächlich eine neue Welt mit ganz eigenen Gesetzen. So spielen Raum und Zeit, die unsere analoge Welt strukturieren in der digitalen Welt keine Rolle, es gibt auch keine Gravitation. Über das Internet können wir in Millisekunden Aktionen am anderen Ende der Welt. Das hat es in der langen Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben. Wir müssen aber auch feststellen, dass wir diese neue digitale Welt noch nicht gut kennen, und erst lernen müssen, wie wir uns auch in ihr nach den Maßstäben unserer menschlichen Zivilisation bewegen.

Wie kann oder wohin wird uns das Internet in der Zukunft führen, also welche Chancen sehen Sie im Positiven wie im Negativen? Prof. Dr. Christoph Meinel: Vergleicht man die Entwicklung des Internets mit der Geschichte der menschlichen Zivilisation, dann befinden wir uns momentan in einer Entdeckerphase wie in der Zeit des Wilden Westens. Die ersten Pioniere sind schon da, der Rest der Gesellschaft muss aber noch folgen. Wir müssen als Gesellschaft erst erlernen, wie wir das Internet am besten zum Nutzen aller gebrauchen können und welche Regeln dabei ein gutes Zusammenleben ermöglichen. Die Digitalisierung ist ein permanenter Prozess, der alle Lebensbereiche immer weiter durchdringt und auch nicht in ein paar Jahren abgeschlossen sein wird. Wir alle profitieren von der Digitalisierung, als Einzelperson ebenso wie die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes. Aber wir müssen noch lernen, wie mit den Schattenseiten umzugehen. Dazu zählen Themen wie Cybercrime, Mobbing und Fake News oder auch Cyberwaffen. Für diese und andere negative Entwicklungen brauchen wir neue Regularien.

Wohin das Internet uns künftig genau führen wird, weiß niemand. Aber es ist ungeheuer wichtig, dass wir alle nicht nur passive Konsumenten sind, sondern die digitale Transformation aktiv nach unseren Vorstellungen mitgestalten. Der Informatiker Alan Kay hat einmal gesagt: “The best way to predict the future is to invent it” – das sollten wir unbedingt tun.

Ein Interview von Livia Kerp

50 Jahre Internet aber wie man sehen kann, sind selbst nach einem Jahrhundert noch viele offene Baustellen. Als Schülerin sehe ich natürlich auch die Einschätzung von Prof. Dr. Christoph Meinel zum Thema Bildungsföderalismus sehr spannend.

Livia Josephine

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