Gastartikel von Nico Wunderle: „Ich bin stolz, ein kritischer Rebell zu sein!“

Ich heiße Nico, bin 24 Jahre, alt, Sozialarbeiter und schreibe gerade an meiner Masterarbeit, jedenfalls sollte ich das. Die Realität sieht leider oft anders aus, denn sonst würde ich mir wohl auch nicht die Zeit nehmen, hier für diesen wunderbaren Blog zu schreiben. Ich möchte schließlich Livias Einladung, mich hier selbst zu verewigen, nicht ungenutzt lassen.

Ich bin ein sehr wissbegieriger, interessierter Mensch, sage oft ironisch:„Wenn ich alles studieren würde, was mich interessiert, würde ich wohl bis zum Ruhestand nicht fertig werden!“ Sprachen, Jura, Soziologie, Politikwissenschaften, Geschichte, Philosophie, – all das könnte ich mir vorstellen, zu studieren. Für mich steht jedoch auch fest, dass es höchste Zeit für mich wird, in das Arbeitsleben einzusteigen. Auf die Frage, in welchem Bereich ich mal arbeiten möchte, antworte ich in der Regel „irgendwas mit Inklusion“ (Anmerkung: Ich sitze im Rollstuhl) oder Politische Bildung.

Ich bin ein durch und durch politischer Mensch, höre interessante Podcasts, verfolge intensiv, was in unserer Welt passiert. Wenn ich euch jetzt sage, dass auch im Deutschlandfunk mega spannende Beiträge ausgestrahlt werden, kann ich mir euer Augenrollen sehr gut vorstellen. Politik ist mittlerweile eine riesige Leidenschaft für mich geworden. Das war definitiv nicht immer so.

Glaubt mir, ich weiß, wie unfassbar langweilig Sozialkundeunterricht in der Schule sein kann. Mir hat mein Lehrer für Sozialkunde und Wirtschaft & Recht jeden Spaß an Politik genommen. Es ist einfach ärgerlich, wenn es Lehrkräften nicht gelingt, Schüler*innen für ein Thema zu begeistern, sondern sie das Gegenteil bewirken. Ich wünsche mir, dass jede*r einzelne versteht, wie wichtig Politik ist. Politik ist dabei nichts, was notwendigerweise kompliziert sein muss.

Jeder Prozess, der auch nur im Geringsten etwas mit der Gesellschaft zu tun hat, ist politisch!

Das können große Dinge sein wie zum Beispiel die Lösung von Verteilungsfragen, aber auch kleine Dinge wie der Bau einer Skater-Anlange, die sich junge Menschen in ihrem Wohnort wünschen. Auch mit jedem Engagement für die Gesellschaft zum Beispiel in Vereinen, Altenheimen, Krankenhäusern und anderen Institutionen ist jede*r von uns in gewisser Weise auch politisch tätig! Ich finde, wir müssen uns ein Klima des politischen Diskurses in der Schule erarbeiten und es fördern, wenn sich junge Menschen politisch interessieren. Friday for Future beweist doch genau, dass junge Menschen nicht politikverdrossen sind, sondern von Politik ferngehalten werden. Protestierende Schüler*innen verdienen keine Verweise, sondern Preise! Manchmal muss man sich auch mal dem System widersetzen. Genauso wichtig ist es, dass Jugendliche viel Raum zur Diskussion in Schulen bekommen und sie auch schon mit 16 oder – ich würde sogar sagen, 14 Jahren an Wahlen teilnehmen können.

Ich verbringe sehr viel Zeit damit, politisch aktiv zu sein. Obwohl man es mir vielleicht im ersten Moment nicht unbedingt zutraut, weil ich ein ruhiger, gutmütiger Mensch bin, bin ich irgendwie rebellisch. In meinem Herzen, das von vielen Zukunftsvisionen, die ich von einer gerechteren Gesellschaft und einer „besseren“ Welt habe, ins Lodern gekommen ist.

Ich bin stolz, ein Rebell zu sein – deswegen habe ich mich auch vor fast drei Jahren entschieden, der SPD beizutreten.

Ich verstehe eure Fragezeichen im Gesicht, wenn ihr euch fragt, wie ausgerechnet SPD die politische Heimat für Menschen, die sich als Rebellen begreifen, sein kann, wo sie doch schon seit Jahren in der großen Koalition herumdümpelt. Von dieser linken, rebellischen Frische, von der ich eben gesprochen habe, ist zum Beispiel der deutsche Finanzminister ähnlich weit entfernt wie der Papst von einem Sieg bei der Vierschanzentournee.

Ich bin Mitglied bei der SPD, aber nicht, weil ich alles, was die SPD macht, gut finde , sondern weil ich mich für die Grundwerte (Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität) der SPD einsetze und dafür alle erdenklichen Hebel in Bewegung bringen möchte. In den letzten zehn oder 15 Jahren entstand öffentlich der Eindruck, dass sich die SPD und die Union immer weniger voneinander unterscheiden und beide die gesellschaftliche Mitte abdecken.

Als bekennendes Mitglied der Jusos, der Jugendorganisation der SPD, setze ich mich dafür ein, dass sich die SPD wieder an ihre linken Grundsätze erinnert. Als Vision der SPD, die ich mir wünsche, sehe ich die Aufgabe, soziale Probleme zu lösen und dabei immer auch die Umwelt und Nachhaltigkeit im Blick zu haben. Das deckt sich mit meiner persönlichen Wunschvorstellung einer Gesellschaft der Zukunft. Es war übrigens die SPD, die sich für einen Mindestlohn eingesetzt hat und möchte ihn jetzt auf ganz Europa ausbreiten. Dieser soll 60 Prozent des Meridianeinkommen betragen. Es ist Ziel der Jusos, unsere nationalen und auch sehr ungleichen Sozialversicherungssysteme zu vernetzen und somit ein überall gleich gutes Leben zu garantieren.

Außerdem haben die Jusos, eine Vision von den Vereinigten Staaten von Europa. Auch im Bildungssektor setzen sich die Jusos gegen das trennende, viergliedrige Schulsystem, auf das manche Politiker*innen (vor allem in Bayern) überaus stolz sind. (warum auch immer, keine Ahnung!) Im Gegensatz dazu möchten die Jusos, dass alle Schüler*innen zusammen lernen und auch Menschen mit Behinderung mit allen anderen Schüler*innen gemeinsam die Schule besuchen. Wenn ich an die Debatten, die ich bei sehr vielen Juso-Veranstaltungen erlebt habe, merke ich immer wieder, dass ich bei den Jusos goldrichtig bin und das mit meinen Vorstellungen einer Gesellschaft übereinstimmt.

Ich möchte irgendwann in einer Welt leben, in der es normal ist, verschieden zu sein, und mit all ihren Unterschieden zum Beispiel aufgrund des Geschlechts, Herkunft, der sexuellen Orientierung oder einer Behinderung akzeptiert und respektiert wird. Ich möchte, dass nicht der Geldbeutel jedes Einzelnen die Position innerhalb der Gesellschaft bestimmt, sondern die individuellen Interessen jeder einzelnen Person.

Aktuell besitzen 45 Menschen, die Hälfte des Vermögens der Bundesrepublik Deutschland und die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Ich wünsche mir eine Welt, auf der wir rücksichtsvoll und umweltbewusst handeln. Es ist nicht in meinem Sinne, dass das größte Ziel, um auf dieser Welt erfolgreich zu sein, darin besteht, möglichst viel Gewinn für sich selbst zu erwirtschaften! Deswegen sollten wir das System, in dem wir leben, auch in Frage stellen, denn nur so finden wir Stellschrauben, um daran etwas zu verändern.

Das ist kein Prozess von Einzelnen. Das können wir nur alle zusammen schaffen, zu dem jede*r Einzelne einen Beitrag leistet! Jeder Mensch ist politisch – nur sind sich leider nicht alle dessen bewusst! Also, diskutiert mit, wenn euch Themen wichtig sind, bringt euch ein in Vereinen oder bei Organisationen, die euch wichtig sind! Engagiert euch und äußert euch, wenn etwas nicht so läuft, wie ihr es euch vorstellt.

Deswegen ist es mir selbst auch besonders wichtig, mich aktiv einzubringen! Ich möchte nach der nächsten Kommunalwahl in den Gemeinderat. Mir ist wichtig, dass wir junge Menschen in der Politik gehört werden, eine Stimme haben und den eigenen Wohnort nach ihren Wünschen und Bedürfnissen mitgestalten können!

Schließlich sind wir alle die Zukunft und tragen dafür Verantwortung! Lasst uns alle kämpfen für eine bessere Zukunft, eine Zukunft der Vielfalt, Solidarität und des Umweltbewusstseins!

Also, lasst es mich in Che Guevaras Worten sagen: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!“

Jugendkonferenz im Willy-Brandt-Haus mit Kevin Kühnert in Berlin
Nico Wunderle ([email protected])

Livia Josephine

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