Mein Gastartikel für Focus: K.-o.-Tropfen – „Darum muss das Dreckszeug verboten werden“

Mein Gastartikel für FOCUS online:

Beim sexuellen Missbrauch von Mädchen und jungen Frauen spielen K.-o.-Tropfen eine große Rolle. Straftäter betäuben ihre Opfer damit und machen sie wehrlos. Die Münchner Journalistin Livia Kerp (21) fordert ein sofortiges Verbot der teuflischen Substanz. Auf FOCUS online erklärt sie, warum.

Grundsätzlich hat doch jeder Mensch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Auch junge Menschen. Und auch junge Frauen. Aber wird in der Politik wirklich alles gemacht, um junge Frauen vor sexuellen Straftaten zu schützen? Ich sage: Nein!

Warum?

Zum Schutz vor sexuellen Straftaten gehört nun mal auch, dass man die „effektivste Waffe“ dafür verbietet. Tatsächlich ist es so, dass man K.-o.-Tropfen ganz einfach auf Amazon bestellen kann.

Da fühlt man sich als junge Frau nicht nur von der Politik allein gelassen, sondern man fühlt sich regelrecht WERTLOS. Und das kann ich behaupten, da ich selbst Opfer von K.-o.-Tropfen wurde.

Es geht nicht mehr um Einzelfälle, sondern um den Alltag von jungen Frauen

Ich muss dazu sagen, dass Gott sei Dank nichts Schlimmeres passiert ist, weil ich einen sehr guten Freundeskreis habe und wir immer gegenseitig auf uns aufpassen. Aber dieses Glück hat oder hatte leider nicht immer jede junge Frau.

Ich persönlich kenne keine einzige jüngere Frau, die noch nicht mit dem Thema in Berührung gekommen ist. Sei es auch nur, dass sie eine kennt, die Opfer von K.o.-Tropfen wurde. Und ich glaube, so geht es den meisten aus meiner Generation.

Hier geht es nicht mehr um irgendwelche Einzelfälle. Sondern es ist zum Alltag geworden. Ich kenne keine junge Frau, die im Club ihr Getränk unbeobachtet lässt. Im Gegenteil, die meisten kaufen sich in einem Club schon fast keine Getränke mehr. Und das kann auch nicht die Lösung dieses Problems sein.

Allein auf dem diesjährigen Oktoberfest in München waren es sieben bekannte Fälle, bei denen K.-o.-Tropfen eine Rolle spielten.

Eine Nebelwand schaltet das Gehirn auf Standby – dieses Gefühl wünsche ich niemandem

Bei mir war es an der Bar in einem der angesagten Clubs in München. Ich hatte das Getränk vor mir und trotzdem hat es jemand geschafft, in das Glas K.-o.-Tropfen zu träufeln. Das Problem dabei ist grundsätzlich, dass es eigentlich unmöglich ist festzustellen, wer dafür verantwortlich ist, wenn man ihn nicht auf frischer Tat ertappt.

Das Gefühl, das man bekommt, wenn die Tropfen langsam anfangen zu wirken, ist schwer zu beschreiben. Man merkt, dass irgendetwas nicht stimmt und man plötzlich immer müder wird. Wie gesagt, meine Freunde haben das gemerkt und mich sofort nach Hause gebracht.

Das Surreale dabei ist, dass der Körper immer müder wird aber der Kopf anfangs noch klar bleibt. Man merkt also ganz genau, dass sich etwas nicht richtig anfühlt, bis langsam eine Nebelwand das Gehirn auf Standby schaltet. Das heißt, man verliert einfach langsam die Kontrolle über seinen eigenen Körper. Der Geist und der Körper werden voneinander getrennt.

Und irgendwann erschlafft die Muskulatur und man fällt in einen Tiefschlaf. Das ist ein Gefühl, das ich niemandem wünsche.

K.-o.-Tropfen können töten

Eine Freundin von mir wurde sogar mal eine Überdosis davon heimlich verabreicht. Sie hatte großes Glück, dass sie gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus kam. Es hätte tödlich enden können.

Und da haben wir das nächste Problem. K.-o.-Tropfen können töten – und das ist leider schon zu oft passiert.

Das Thema K.-o.-Tropfen muss nun endlich raus aus der dunklen Ecke. Viele Betroffene sagen oft aus Scham nichts darüber, dabei wäre es so wichtig, das Thema ins Scheinwerferlicht zu hieven, um mehr Druck auf die Politik zu machen.

Fakt ist, sehr viele Frauen fühlen danach nicht nur Scham, sondern bekommen große psychische Probleme. Es kann eine so tiefe seelische Verletzung nach sich ziehen, die ein Leben lang anhält. Das kann nicht sein! Und das muss nicht sein! Deshalb: Out of the Dark – into the Light!

Es gibt kaum Motivation in der Regierung, K.-o.-Tropfen zu verbieten

Im Oktober 2022 habe ich das erste Mal auf meinem jugendpolitischen Blog über die Problematik der K.-o.-Tropfen geschrieben. Dabei habe ich mich auch gefragt, warum es so schwer ist, K.-o.-Tropfen einfach zu verbieten. Es wäre doch die einfachste und effektivste Methode, junge Frauen davor zu schützen.

Deswegen habe ich im März dieses Jahres zusammen mit Bundestagsabgeordneten Stephan Pilsinger von der CSU aus München einen weiteren Beitrag auf meinem Blog gemacht. Und anschließend hat er eine Anfrage an die Bundesregierung zum Thema „Verbot von K.-o.-Tropfen“ gestellt.

Leider ist bis jetzt keine große Motivation der Bundesregierung vorhanden, K.-o.-Tropfen zu verbieten. Das muss sich ändern!

Auf Antrag der Bundesfraktion der CDU/CSU ist im November im Gesundheitsausschuss des Bundestags eine öffentliche Anhörung zum Thema „Missbrauch K.-o.-Tropfen“. Hierzu wurde ich eingeladen, um darüber zu reden. Es geht darum, die Lebensrealität von jungen Frauen darzustellen und aufzuzeigen, warum ein Verbot von K.-o.-Tropfen einfach wichtig und längst überfällig ist.

Fakt ist: Weder ich noch irgendeine Frau möchte sexuell missbraucht werden

Ich sehe das Thema nicht nur als Betroffene, sondern auch mit den Augen einer Frau meiner Generation. Seit einem Jahr versuche ich nun, das Thema „Verbot von K.-o.-Tropfen“ aus dem Schattenleben zu ziehen und eine parteiübergreifende Mehrheit zu finden. Weil für mich das Thema einfach wichtiger ist als Klimaschutz oder das Wahlrecht ab 16.

Denn weder ich noch irgendeine andere junge Frau in Deutschland, in Europa oder auf einem anderen Kontinent will sexuell missbraucht werden oder an einer Überdosis K.-o.-Tropfen sterben.

Deswegen ist es für mich eine Selbstverständlichkeit,

  • dass K.-o.-Tropfen endlich verboten werden müssen,
  • dass man sie nicht mehr frei kaufen kann, weder bei uns in Deutschland noch in der gesamten EU,
  • dass der Besitz von K.-o.-Tropfen strafbar ist, wobei die Strafe wirklich abschrecken muss,
  • dass sich das Strafmaß verdoppelt, wenn ein Täter K.-o.-Tropfen verwendet hat.

Die Politik muss mehr auf das Leben von jungen Frauen schauen

Ich finde, diese Maßnahmen sollten der Politik das Leben von jungen Frauen mindestens WERT sein.

Es ist für mich Wahnsinn. Da wurde 2008 ein Rauchverbot in Innenräumen gesetzlich erlassen, um Menschen, die nicht rauchen, vor den gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Tabakqualm zu schützen. Aber ein Schutz junger Frauen vor sexuellen Straftaten durch K.-o.-Tropfen scheint unseren Politikern nicht so wichtig.

Aber kein Mensch will unwichtig oder wertlos sein!

Ich auch nicht. Aber wie soll sich eine junge Frau bei diesem Thema wohl fühlen?

Es ist nicht einfach, ohne Emotionen über das Thema zu reden oder zu schreiben. Am liebsten würde ich einfach brüllen: „Endlich weg mit dem Dreckszeug!“

Livia Kerp. Gastartikel für Focus online

Livia Josephine

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für deinen Artikel und Engagement! Mir geht es wie vielen Frauen, fast alle in meinem Freundeskreis sind damit in Berührung gekommen. Wenn ich deinen Artikel lese, werde ich richtig sauer auf die Politik. Ich drück dir fest die Daumen für deinen Vortrag im Bundestag.

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